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Fliesen für Tarrafal

 

 

Dass das Internet Kontakte schafft, die man sich vor
10 Jahren nicht vorstellen konnte, war mir klar;
wir vermarkten unsere Fliesen ja auch im Netz, aber dass ich
ausgerechnet eine Anfrage aus Kap Verde bekomme, hat mich
doch einigermaßen überrascht. Da braucht jemand
Bodenplatten aus Ton. Kap Verde gehört zu Afrika und liegt
500 km westlich von Senegal im Atlantik, da werden sie schon
jemanden finden, der das kann, dachte ich. Aber die Suche
blieb erfolglos. Mein Unverständnis hat sich, als ich später die
Umstände verstand, gelegt.
Ein Österreicher leitet dort eine Fußballschule für Straßen-
kinder und baut mit deutscher Finanzhilfe und dem deutschen
Architekten Frank Mössinger ein Jugendzentrum, wo nach
Fertigstellung Schreinerei-, Schneiderei- und edv-Ausbildung
angeboten wird. Die Gebäude dieses Zentrums werden aus
Natursteinen errichtet, innen lehmverputzt und sollen
Bodenplatten aus Ton bekommen.

Was für ein Land ist das - Kap Verde? Inseln im Atlantik.
klingt nach Südsee, Palmen, Sonne, Sandstrand - Barcadi-Werbung eben. Ist es aber (bis auf die Sonne)

über- haupt nicht: 15 wüstenhafte Vulkaninseln, davon sind 9
bewohnt. Bis zur Ankunft der Portugiesen aus gutem Grund
unbesiedelt. Danach als Sklavenhandelsplatz genützt, später
als Lager für Schiffskohle für Atlantiküberquerungen.
Die Inseln sind sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen
die Wasserknappheit und ständiger starker Wind. Es gibt ein
paar grüne Täler und durchschnittlich 6 Regentage im Jahr.
aber das Land gibt bei weitem nicht das, was die Menschen
brauchen. Zwei Drittel der Kapverdianer leben daher im
Ausland und schicken Geld an ihre Verwandten. 90 % der
Lebensmittel müssen importiert werden, dementsprechend
hoch ist der Preis - teurer als in Europa.
Das Land ist also stark von Importen abhängig.
Bodenschätze gibt es keine. Sämtliche Materialien zum Haus-
bau müssen importiert werden. Daher das Bestreben des Archi-
tekten Frank Mössinger, die Gebäude des Jugendzentrums aus
Naturstein zu bauen, um diese Verarbeitungstechnik zu för-
dern. Innen verputzt mit Lehm, um keinen Zement zu verwen-
den - und vor allem, weil man es selber machen kann.
Durch die Abhängigkeit des Landes vom Ausland und durch
falsche Entwicklungshilfe gerieten die Menschen in eine Art
Lethargie (die uns fleißigen Europäern unerträglich
erscheint). Die reichen Länder pflanzen Projekte dorthin, wohl
des kollektiven schlechten Gewissens wegen, die für dieses
Land, für diese Menschen viel zu komplex sind. Erschreckende
Summen von Entwicklungsgeldern fließen in Prestigeobjekte
(einen Großteil des Geldes kassieren ohnehin europäische
Mitarbeiter), die nach Abreise der Ausländer zumeist wieder
verfallen.

 

Florian Wegenstein, der österreichische Projektleiter ist mit
einer Kapverdianerin verheiratet und lebt in Kap Verde (auf der
Insel Santiago in der Stadt Tarrafal), und er kennt die
Menschen und weiß was sie brauchen: Hilfe zur Selbsthilfe.
Nun, Bodenplatten aus Ton wurden gebraucht - konnte ja
nicht so schwer sein. In unserer Fliesenmanufaktur haben wir
dauernd damit zu tun. Dass wir unsere Produktionsmöglich-
keiten natürlich nicht auf Kap Verde übertragen können, war
von vornherein klar. Welche Bedingungen aber würden uns
dort erwarten?
Das Ergebnis einer Bodenanalyse an der Universität
Kaiserslautern ließ auf 8-9% Tongehalt schließen. Diese
Information sagt wenig bis gar nichts aus. Meine Erfahrungen
von Tonvorkommen habe ich auf meinen Reisen auf dem
Fahrrad während meiner Studienzeit erworben, da sammelte
ich Hunderte Tonproben. Aber europäisches Festland ist etwas
anderes als vulkanische Atlantikinseln.
Die zweite zentrale Frage war die des Brennstoffes. Im schlimmsten Fall würde man halt Gas oder Diesel nehmen müssen. Eine andere Möglichkeit wären Sägespäne aus den Sägewerken. Wie erwähnt, Holz gibt es fast nicht, auch
Bauholz wird importiert. Müll, von dem gibt es sicher genug, wäre auch eine Quelle, das habe ich in Ägypten gesehen, wo auf diese Weise Pflanztöpfe für europäische Baumärkte erzeugt werden. Mein Plan war dann, Sägespäne in eine permanente Gasflamme zu streuen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Mit ziemlich vagen Informationen und daraus resultierender Planlosigkeit, aber experimentierfreudigem Entdeckertum, machten meine Frau und ich uns auf den Weg. Wir hatten glücklicherweise finanzielle Unterstützung von Keramikbedarf AFT und privaten Geldgebern bekommen. Einmal pro Woche
fliegt die kapverdische Fluggesellschaft mit ihrem einzigen großen Flugzeug von München nach Kap Verde.
Kaum angekommen, fuhren wir gleich am nächsten Tag hinauf zur Baustelle, auf einer Ebene oberhalb von Tarrafal, mit einem ziemlich fertigen Toyota- Kleinlaster. Als ich später sah, mit welch fetten Karren die "offiziellen" Entwicklungshelfer aus Österreich, Deutschland usw. unterwegs waren, überkam
mich tiefe Scham und ich bewunderte Florian umso mehr, mit wie wenig Geld er auskommen musste. Sowohl für das Bauprojekt, als auch für seine Familie.
Am Vortag, als wir nachts über die Insel fuhren, konnte ich den Boden nicht mehr genau sehen, aber die Erosionsformen neben der Straße ließen auf toniges Material schließen. So war es auch: der ganze Boden besteht aus Ton,
zumindest die oberen 50 cm, durchsetzt mit Steinen. Zuallererst sammelten wir an mehreren Stellen Material, und zuhause bei Florian machten wir gleich dar- aus Proben. Je eine gesiebt, eine ungesiebt. Bis zum nächsten Morgen trockne-
ten sie natürlich schon, aber die Ungesiebten hatten große sternförmige Risse.
Aus den Lavasteinen, die beim Bau des Jugendzentrums verwendet werden, und einer Mischung aus Erde und Sägespänen bauten wir einen kleinen Brennofen, um die Proben zu brennen. Diese Lavasteine eigneten sich bestens:
sie haben eine ganz feine schaumige Struktur, sind zwar nicht besonders leicht,
isolieren aber sehr gut: eine 4 cm dicke Platte hatte innen 1000 Grad und
außen konnte man drangreifen.
Nach dem Brennen hatten auch die Proben aus gesiebtem Ton kleine sternförmige Risse. Dieses steinige Material, welches im Boden mit dem Ton vermischt ist, ist ebenfalls Ton, allerdings sehr hart. Nach einem Tag im Wasser, ließ sich dieses aber zerdrücken. Die sternförmigen Risse entstehen deswegen,
weil die „Steine“ zu quellen beginnen, während der umliegende Ton schon schwinden will; zwei Kräfte arbeiten da gegeneinander.
Der Ton, den man auf der ganzen Insel sieht, ist daher ein primäres Verwitterungsprodukt aus dem vulkanischen Ergussgestein, ohne dass er je durch Wind oder Wasser verlagert worden wäre. Das bedeutete zumindest, dass er nicht durch Kalk (in Form von Kreide oder gar Korallenbruchstücken) verunreinigt sein kann. Andererseits bewahrheitete sich die Annahme, dass wir mit einer hohen Schwindung rechnen mussten.
Nun galt es ein Material zum Magern zu finden. Für Mörtel wird hier feiner, schwarzer Sand vom Strand verwendet. Nach dem Brennen von verschiedenen Mischungsproben zeigte sich, dass ein Versatz halb Ton,halb Sand eine brauchbare Möglichkeit sein könnte. Davon mischten wir mal einen großen Eimer voll und schlugen das in den Rahmen, den ich schon von zu Hause mitgenommen habe.

 

Das war abends und am nächsten Tag am Abend brannten wir diese Proben schon! Wegen des starken Windes und der intensiven vertikalen Sonneneinstrahlung trockneten diese ersten Proben, die immerhin 4 cm dick waren, innerhalb eines Tages! Das war eine Anforderung, mit der ich bis dahin noch keine Erfahrung gemacht hatte. Glücklicherweise kam uns eine Eigenschaft des Tonminerals Montmorillonit sehr entgegen: es ist äußerst thixotrop, das heißt, sobald der Ton in Ruhe liegt, erstarrt er und kann sich nicht so leicht verziehen. Diese schnelle Trocknung ist extrem: schon nach einer halben Stunde ist die Oberfläche hart; der Ton im Inneren der Platten ist aber noch puddingweich! Nach den ersten geglückten Platten bereiteten wir in einer Grube, die mit einer Lkw Plane ausgelegt war, eine größere Menge Ton vor und begannen mit der
Plattenproduktion.
Anfangs bereiteten uns Risse Probleme, die wie ein Netz durch die Fliesen gingen und schon nach kurzer Zeit sichtbar wurden. Wir dachten zuerst an eine inhomogene Mischung, oder dass der Ton durchs tagelange Liegen noch plastischer geworden sei. Zwei ganze Tage hingen wir an dem Problem, versuchten es mit neuen Mischungen, bis wir merkten, das es nur ein Verarbeitungsproblem war: die Oberfläche muss sehr glatt
sein, denn die geringsten Erhebungen – und da reichten schon diese feinen Spitzen, die entstehen, wenn man die tonige Hand nach oben vom Ton wegzieht – bewirkten, dass an diesen feinen "Gipfeln" das Wasser schneller verdunstete. Rund um diese Gipfel wurde das Wasser in deren Richtung gesogen und so entstanden diese zellenförmigen Risse.
Wenn die Oberfläche ganz glatt war und beim Schlagen in der Form noch zusätzlich nass gemacht wurde, blieben alle Platten ganz. Am besten bewährte es sich, wenn die Platten auf Papier geschlagen wurden.
Ich verlangte nach altem Zeitungspapier – mildes, aber verständnisvolles Kopfschütteln lächelte mir entgegen: wieder einmal das unreflektierte europäische Überflussdenken. Es gibt nur zwei Wochenzeitungen, und erst wenn alle sie gelesen haben, wird der Fisch am Markt damit verpackt. Also sammelten wir leere Zementsäcke und zerlegten diese. Im
übrigen hielten diese viel besser als Zeitungspapier, und wir konnten sie immer wieder verwenden. Aber mit einem hatte ich wirklich nicht gerechnet: herumziehende Kühe (!!!) stehen total auf leere Zementsäcke und fressen sie, wo immer sie welche kriegen können. Unsere Mittagspause nützte dieses Vieh, und eine ganze Vormittagsproduktion war dahin.
Schon während der Plattenproduktion bauten wir den großen
Brennofen, ebenfalls aus diesen feinen Lavasteinen. Orientiert nach der Hauptwindrichtung des Passates (Nordost) mit untenliegender Feuerung.
Die Platten stehen in zwei Lagen übereinander, mit einer liegenden Lage dazwischen. Abgedeckt wird der Ofen mit Platten aus Matsch mit viel Sägespänen, die wir am Vortag des Brennens vorbereitet haben: Sand auf den Boden gestreut, ca. 8 cm dick diesen Matsch ausgebreitet und sofort mit einem Messer in viereckige Stücke geteilt. Beim Trocknen reißt das dann in diese Stücke; diese werden auf die oberste Lage
Fliesen gelegt und die Fugen dazwischen mit Würsten desselben
Materials geschlossen.
Schon beim kleinen Probeofen verbrannten wir trockene dornige Akazienzweige. Zwecks Aufforstung wurden Akazien gepflanzt, die in KapVerde eher buschartig gedeihen, darum werden die Seitentriebe abgeschnitten, damit ein Baum daraus wird. Die Seitenäste verwenden die Kapverdianer zum Kochen, aber die feinen dornigen Zweige bleiben liegen. Wichtig war uns natürlich, dass wir niemandem Brennmaterial weg-
nahmen. Dieses Zeug wird ansonsten zu großen Haufen gerollt und angezündet, es braucht also wirklich niemand. Auf der weiten Ebene ist genug von diesem Gestrüpp, um alle Fliesen für das Zentrum zu brennen.

 

Nach 11 Tagen hatten wir genug Platten und den Brennofen fertig.
Morgens setzten wir den Ofen ein, um am Abend zu brennen.
Der nächste Tag, der Tag vor unserer Abreise, war der erste, an dem wir ein wenig Zeit hatten, um aus Tarrafal rauszukommen. Eine halbe Stunde außerhalb liegt eine kleine Strandoase mit Kokospalmen,Mangobäumen und Bananenstauden - unwirklich in dieser trockenen
Landschaft! An den wenigen Regentagen im Jahr regnet es dann heftig.
In den tief eingeschnittenen Tälern gibt es aber unterirdische
Flussläufe, die das ganze Jahr über mit Brunnen angezapft werden und Landwirtschaft mit Bewässerung zulassen. Tarrafal selbst hat auch einen Strand mit ein paar Palmen, wochentags einsam leer, am Wochenende aber übervölkert mit Ausflüglern aus der Hauptstadt. Der Atlantik ist nicht dafür bekannt, warm zu sein, aber fürs Abkühlen in der Mittagspause war´s gerade recht.
Am späten Nachmittag unseres vorletzten Tages räumten wir den Ofen aus, die Handwerker auf der Baustelle hatten gerade Feierabend und kamen staunend herüber. Auch die Jugendlichen, die bei der Plattenerzeugung mitgeholfen hatten, waren dabei. Für uns wars ein großer Tag; für mich, weil ich mein Versprechen einlösen konnte, innerhalb von 14 Tagen eine einfache Fliesenproduktion zu initiieren, für Florian, weil er sah, dass es richtig war, daran zu glauben, ohne genau
zu wissen woran, und erst recht für die Jugendlichen von Tarrafal, weil sie ein greifbares Ergebnis ihrer Arbeit sehen konnten.
Es waren wunderbare zwei Wochen, ich möchte Florian danken, für die Einladung und Marisa für die Einblicke in kapverdische Lebensweise, Frank und Uli für heitere Mittagspausen und lange Abende, meiner liebsten Mascha, die mit anpackte, obwohl sie noch weniger als ich wusste,
worauf sie sich einließ und nicht gedacht hatte, dass wir es schaffen würden (es mir aber liebenswürdigerweise erst nachher sagte...) und den Sponsoren, die dieses Projekt unterstützten!